“Die Müdigkeit der anderen Leute ist irgendwie ansteckend. Ob die auch so lange wach waren? Platz suchen, drängeln, hinsetzen. Jeden Morgen das Gleiche. iPhone raus, Bassbeschallung an, E-Mails checken. Und ich bin wieder mittendrin: Arbeitsmodus an. Zu viele Aufgaben, zu wenig Zeit. Was hat die Projektmanagerin nochmals gemeint? Prioritäten setzen. Also gut: Logokorrekturen – Priorität A – für ganz wichtig. Webagentur anrufen – Priorität B – nicht dringend, aber wichtig. E-Mail vom Chef. Ob alles noch geklappt hätte, fragt er. Natürlich hat alles geklappt, verdammt. Ich bleibe ja nicht aus Spaß an der Freude bis 2 Uhr nachts auf, um irgendwelche “dringenden” Layouts zu gestalten. Er ist eigentlich ein ganz netter Typ, aber er ist wirklich gerissen. “Hab da noch eine Kleinigkeit, Philipp”, hat er gesagt. “Das kannst du ja noch kurz daheim machen”. Arsch. 4 Stunden hat es letztendlich gedauert. Er stellt alles so hin, als hätte ich die Wahl, die Aufgabe zu übernehmen, aber letztendlich werde ich eigentlich dazu gezwungen. Lebe ich für meine Arbeit? Ist Arbeit leben? Wenn ja, lebe ich gerade ziemlich intensiv. Wenn ich mir meine Aufgabenliste im Kopf durchgehe…, steht wohl “Arbeit” auf Priorität A. “Mein Leben” steht demnach auf Priorität C – erst weiter bearbeiten, wenn jemand danach fragt, ansonsten liegen lassen. Scheiß Prioritäten, alles besteht nur aus To-Do-Listen mit Prioritäten. Macht sich der Mann da mit der Zeitung in der Hand auch Prioritäten? Oder die Omi, die neben mir sitzt? Nächste E-Mail. Nein, bitte nicht. “Brauchen heute dringend den Stand des Layouts, welches du letzte Woche angefangen hast. Heute ist Kundenpräsentation. Ah, mein Magen verkrampft sich. Mein USB Stick – mit den Daten – steckt zuhause im Laptop. Nein, verdammt. Reizüberflutung. Laute technoide Klänge, unruhiges Wogen der Bahn, flaues Gefühl im Magen, leichter Adrenalinausstoß. Ist das der Stress, von dem die Leute immer reden? Dieses latente Gefühl der Unterlegenheit und Machtlosigkeit gegenüber der Welt? Seinem Leben? Der Arbeit? Nicht abschweifen. Problemlösung muss her. Wenn ich die Daten nicht bekomme, reißt er mir den Kopf ab. Auch wenn ich meine Freizeit für seine “Kleinigkeit” geopfert habe. Negatives überwiegt Positives immer – zumindest in meiner Firma, bei meinem Chef. Ich mag meinen kleinen Bruder. Kurz angerufen und er hat mir die Daten geschickt. Zum Glück hatte er zur zweiten Stunde – ein Problem weniger. Ich muss aussteigen. Manchmal komme ich mir vor wie ein Goldgräber – schlecht bezahlt wühle und grabe ich im Dreck – um die kleinen Goldstückchen meinem Chef zu geben, die er veredelt für viel Geld an die High Society verkauft. Goldgräber eben. Ich inhaliere einen tiefen Zug und gebe mich der Illusion hin, dass es mich beruhigt. Groß, grau, modern, neuzeitliche Gefängnisse aus Beton und Stahl. Mein Chef, meine Aufgaben, meine Prioritäten, mein Tagesplan. Mein Kopf, zu klein für soviel Gedanken. Aber meine Müdigkeit ist weg. Ich fühle mich wach. Ich stehe unter Strom. Die Tür, das Zahlenschloß. Zwei – Vier – Sechs – Acht. Grünes Leuchten. Willkommen im Kreativ-Stollen.”